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Inbatts- Verzeichnis. ZZ ? Seite Versiegelte Lippen. Roman von Bermann Giersberg (Fortsetzung und Schluss) . . . . 7 Schiffbruch. Roman von Henriette v. Meerheimb . 2.82 Leipziger Bank 1,50. Erzählung von Job. Stavi. . . 67 Mit Jllustrationen von Adolf Wald. Der Tornado. Zur Charakteristik des nordamerikanischen Wirbelsturms. Uon Klemens Richter ee ee ce I mit 10 Jllustrationen. Die Gesellschaftsreise. Novelle von Emma Merk. . . 113 Strahlende Materie. Maturwissenschaftliche Skizze von Gerhard Stein 2 ee re ee... ..180 mit 10 Jllustrationen. Der Feuerlärm. Bumoreske von Jenny Limburg . . . 167 Im alten Trier. Eine Wanderung durch Deutschlands ehrwürdigste Stadt. Uon Gerd HBarmmstorf . . . . 191 mit 15 Jllustrationen. Mannigfaltiges: Ein Bagnosträfling in der Oper . » 2 2 2. 2...210

Neue Erfindungen: I. Reibemaschine „Nixe“ . 2 2 2 20 202...213 Mit Jilustration. II. Die Stearinkerze als @lühlibt -. . » 2... 214. Mit Mustration.

6 Inhalts-Verzeichnis.

———————

Uerbrecherbriefe

Ein Riesenkranbagger . Mit Jllustration.

Die Eisenbahnkrankbheit Der Papierritter . > 2 2. £hinesische Weltanschauung . .

Der Siebenschläfer bei den alten Römern

Übel abgelaufener Studentenstreich

Der „trinkbare“ Eisbär. Mit Illustration.

Liebesopfer Eine verhängnisvolle Vergesslichkeit Die kalte Suppe .

Das Los ermatteter Tiere in der Wüste :

Ein wunderliches Geschenk Das Ende eines Sonderlings . Die goldene Gans

Das Podagramittel

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Versiegelte Lippen. Roman von Hermann @iersberg.

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(Fortsetzung und Schluss.) (Nachdruck verboten.)

aul Keilig nicdte, wie wenn er fich für die freundliche Bejtellung bedanten wollte. Dann erhob er fich mühſam und verließ das Abteil, um langfam auf dem Bahnfteige auf und nieder zu gehen, unbefümmert um das gejchäftige Ge— triebe, das ihn umgab, um die verwunderten Blide, die fich bie und da auf ihn richteten, um die Stöße, die er empfing, wenn er e3 verjäumte, einem beladenen Gepäcdträger oder einem überhaftigen Paſſagier recht: zeitig aus dem Wege zu gehen.

Als das dritte Klingelzeichen ertönte, ftand er noch immer auf dem Bahnfteige. Er rührte fich auch nicht vom Fled, als die Wagentüren zugemworfen murden, und das kurze fchrille Signal des Zugführers den Be- fehl zur Abfahrt gab. Um nichts in der Welt wäre er noch einmal in den Wagen zurüdgelehrt, darin ihm das Entjegliche widerfahren war. Schließlich war es doch auch ganz gleichgültig, ob das Trauerfpiel feines verpfufchten Lebens jchon hier zu Ende ging oder erft ein paar Stunden jpäter in Wien. Es mar feinem

8 Berfiegelte Tippen.

DERDRD RED FEED ED RD ADD Dee Dr Dre Dre Dee Dr Dre Dr eD Menfchen mit der lurzen Verlängerung gedient, keinem und niemand meniger al3 ihm jelbft.

Diefem oder jenem der Bahnbeamten mochte wohl der bleiche, fchäbig ausfehende junge Menſch aufgefallen fein, dem die Kleider fo fonderbar um die mageren Glieder fchlotterten, und der mit einem fo wirren Blid vor fich bin ftarrte. Aber auf einem verlehrsreichen Kreuzungspunft gibt e3 jo viele feltfame und auffällige Erjcheinungen, daß fich der befremdliche Eindrud der einzelnen raſch wieder zu vermwijchen pflegt. Selbſt der Bolizift, der den Mann eine Lleine Weile beobachtet hatte, hielt es nicht für notwendig, eine Frage an ihn zu richten, da er fich ja ganz jtill verhielt und niemand beläftigte.

ALS eine Viertelftunde nach der Abfahrt des Perjonen- zuges von der entgegengejegten Geite her ein Güterzug in die Halle fuhr, jaß der blaſſe junge Menſch auf der Bank am Ende des Bahniteiges, auf die er ich nieder: gelafjen hatte, als feine Füße ihm den Pienft zu ver- fagen drohten. Eine Weile jah er anjcheinend inter: effiert den Hantierungen der Bahnbeamten zu. Dann, als die Schaffner ihre Plätze oben in den Brenifer- bäuschen wieder einnahmen, ftand er auf und jtellte fi) neben die Lolomotive, deren gewaltigen Gliederbau er aufmerkſam betrachtete.

„Abfahren!” rief der dienfttuende Stationsbeamte, und mieder fchrillte das Signal des Zugführers, von einem furzen fcharfen Pfiff der Lolomotive beantwortet, und die eifernen Glieder des keuchenden Ungetüms be- gannen fich zu regen. Aber in ihr Raſſeln und Stamp- fen klang vielftimmig und Doch wie au3 einem Munde ein marldurchdringender Schrei des Entſetzens.

„Halt! Halt! Ein Menſch auf den Schienen!” rief es, während jchrecdensbleiche Männer von allen

Roman von Hermann Gieräberg. 9 Geiten heranliefen, als ob fie den erbarmungslofen Koloß mit ihren Händen aufhalten fönnten in feinem zermalmenden Laufe. „Allmächtiger Gott, es ift zu fpät! Er ift ſchon unter der Lokomotive.“ Die Brems fen arbeiteten, und der Güterzug hielt. Bon recht3 und links krochen die Beamten zwifchen die Räder.

Einundzwanzigstes Kapitel.

In brennender Ungeduld hatte Rudolf v. Rindleben auf das Eintreffen der von Herbert verheißenen Nach- richt gebarrt. Seine Hände zitterten vor Erregung, al3 er den Umjchlag des Briefes löjte, den ihm der Bortier feines Hotels in der Kreisjtadt endlicdy um die Mittagszeit übergab. Defto größer und unangenehmer war jeine Enttäufchung, al3 er ftatt der erwarteten Ent» hüllungen nichts weiter fand als die wenigen Zeilen, die ihn von der plößlich notwendig gewordenen Abreife feines Freundes in Kenntnis jeßten.

Zum erjten Wale wurde er irre an Herbert Vollmars Wahrhaftigkeit. Dieje Reife, über deren Zweck und Ziel Herbert nicht einmal eine Andeutung machte, wollte ihm mie ein leerer Vorwand erjcheinen, um der Er: füllung de3 gegebenen Verjprechens aus dem Wege zu geben. | Er war ernitlich erzürnt und feſt entfchlojfen, dem Freunde fein Hehl aus dem Argwohn zu machen, den diefe Enttäufchung in ihm gemwedt. Zunächit aber blieb ihm freilich nicht anderes übrig, als fich in Geduld zu faflen. Er hatte Dagmar, zu der man ihm täglich ungehindert Zutritt gewährte, feinen Befuch für den Nachmittag angekündigt, in der Hoffnung, daß er dann vielleicht jchon in der Lage fein würde, ihr die erlöfende Nachricht zu bringen, auf die er fich nach Herberts Er—

10 Berfiegelte Lippen.

DD ED Dre DreD DDr eD ee Dee Dre Dre Dee DD Härungen Rechnung gemacht. Nun aber gab es eigent- lich für ihn feinen Beweggrund mehr, heute zu ihr zu gehen. Nur, um vielleicht einen folchen zu finden, begab er fich) in daS Gerichtsgebäude, wo er, wie er mußte, um dieſe Zeit den Unterfuchungsrichter, der ihre Sache führte, ficher antreffen würde.

Der Beamte empfing ihn mit einem freundlichen und überlegenen Lächeln, das Rindleben nichts Gutes weisjagte.

„Nun, Here Rechtsanwalt, werden Sie es mir jebt zugeben, daß ich einigen kriminaliſtiſchen Scharfblicd befige? Ein alter Praktiker läßt fich doch nicht fo leicht binters Licht führen, nicht einmal durch ein jo hübfches und fo rührend unjchuldiges Geficht wie das Ihrer Klientin.”

„Ich verstehe nicht recht,“ erwiderte Nindleben bes unrubigt. „Wenn es Ihnen um meine Anerkennung zu tun ift, werden Sie ſchon die Güte haben müſſen, fic) etwas deutlicher zu erklären.”

„Das iſt rasch gejchehen, Fräulein Holnjtein hat fich vorhin endlich bequemt, ein Geſtändnis abzulegen.“

Rincklebens Geficht färbte fich dunfelvot. „So hat fie e3 getan, um einen moralifchen Selbſtmord zu be: gehen. Sie könnten ebenfogut ein zmweijähriges Kind bejchuldigen, dies Verbrechen verübt zu haben.”

„Kun, nun,“ beruhigte der Landgerichtsrat den Erregten, „von einem Berbrechen in dem gemöhnlichen bäßlichen Sinne des Wortes ift ja auch eigentlich hier gar nicht die Rede. Überjchreitung der Notwehr im Zuftande der Angft und Verwirrung weiter wird Schließlich nichts herauskommen. Wenn fie ein bißchen Glück hat, wird die junge Dame troß ihres Geſtänd— niſſes freigefprochen.”

„Aber ich wiederhole Ihnen, daß dies Gejtändnis

Roman von Hermann GierSberg. 11 DDr re Dre DD DD ed ne DDr DDr Deren eine Züge ift. Darf ich fragen, wa3 fie Ihnen erzählt bat?“ 1 „Sie fagte, daß fte anfange, irre zu werden an der Zuverläffigfeit ihres Gedächtniffes. Während des Gtrei- tes mit ihrem Stiefvater habe fie fich in einem Zuftande fo hochgradiger Aufregung befunden, daß fie doch viel: leicht etwa getan habe, woran ihr jegt die Erinnerung abhanden gelommen ſei. Daß fie nach dem Papier: mefjer gegriffen habe, um ihn von fich abzumehren, hatte fie ja von Anfang an zugegeben. Wenn es ihr auch noch immer fo fei, als ob fie nur mit der bloßen Hand einen Schlag gegen ihn geführt habe, jo wolle fie doch nicht in Abrede ftellen, daß es möglichermeife auch mit dem Mefjer geweſen jein könne. Ich Ddente, mehr brauchen wir nicht, um über den Hergang der Sache völlig ins Tlare zu gelangen.”

„Es mag fein, daß e3 Ihnen genügt, mir aber ge: nügt e3 wahrhaftig nicht. Selbſt wenn Sie das bloße Zugeben der Möglichkeit ein Geftändnis nennen wollen, fehlt ihm doch jede Bemeisfraft, folange es nicht durch andere Momente bejtätigt wird. Laſſen Sie mich nur auf einen einzigen Umjtand hinweiſen, der dagegen Spricht. Fräulein Holnftein trug in dem Augenblid, wo fie den Mord oder Totjchlag begangen haben müßte, erwiejenermaßen ein weißes Kleid dasſelbe, das fie auch noch bei ihrer Verhaftung anhatte. Die Möglich- feit, daß fie fi) noch vor dem Verlaſſen der Billa Rothe umgezogen haben könnte, ift nach den von mir und dem Polizeikommiſſär bemirkten genauen Zeit: fejtitellungen ganz ausgeſchloſſen. Wie wollen Gie e3 nun erklären, daß man troß genauefter Unterfuchung nicht einen einzigen Blutstropfen an diefem Kleide, auf dem auch der Fleinfte Spritzer Jichtbar fein müßte, hat entdecken können? Der Stich hat nach dem Sektions—

12 Berfiegelte Lippen.

IERDRDEED ET ED D De DD Dee Da Dede D ei De Dre befund die große Schlagader durchfchnitten und dann die Herzwand durchbohrt. Man braucht fein Arzt zu jein, um fich zu fagen, daB dabei das Blut hoch auf: gejprigt fein muß. Die Spuren an den Fenftervorhängen und auf dem Fußboden liefern ja auch einen über: zeugenden Beweis. Welches Wunder hätte fich ereignen müffen, wenn nur gerade das weiße Kleid des Fräu— ‚lein Holnftein von jeder Befudlung verfchont geblieben wäre, obwohl fie fich doch in dem Augenblid, wo fie den Stoß führte, felbftverjtändlich in unmittelbarer Nähe des Verlebten befunden haben muß?“

Der Unterfuchungsrichter hatte zwar als ein höf- licher Mann feine Darlegung angehört, ohne ihn zu unterbrechen, einen nennenswerten Eindrud hatte jie aber offenbar nicht auf ihn gemacht. „Verfuchen Sie doch, Herr Rechtsanwalt, ob Sie bei der Hauptverhand- lung mit diefem Argument durchdringen,” fagte er. „sh für meine Perſon fann ihm in Anbetracht der ganzen Sachlage eine entjcheidende Bedeutung nicht beimejjen.“

Rindleben jah ein, daß es in der Tat ein zweck— Iojes Unternehmen mar, diefem von Dagmars Schuld fo fejt überzeugten Manne gegenüber ihre Sache zu führen. Aber ehe er ging, konnte er fich doch nicht enthalten zu fragen: „Und wenn ich nun fchon an einem der nächiten Tage in der Lage fein würde, Ihnen den Namen des wirklichen Täter zu nennen?“

„Dann würde ich mich vorausgefegt, daß Gie mir feine Schuld bemweijen können mit der uralten Wahrheit rechtfertigen müſſen, daß Irren menjchlich ift. Vorläufig aber find wir noch nicht fo weit, mein verehrter Herr Rechtsanwalt.“

Nach kurzem Überlegen ging Rindleben zunächſt auf das Telegraphenamt, um eine Depeſche an Herbert

Roman von Hermann Giersberg. 13

Vollmars Bureauvorfteher aufzugeben. Er nahm an, daß diefer am eheften von dem Aufenthalt feines Chefs unterrichtet fein würde, und er erſuchte ihn in dringen den Worten, ihm davon unverzüglich auf telegrapbijchem Mege Kenntnis zu geben.

Dann erjt lenkte er feine Schritte nach dem Unter: fuchung3gefängnis, wo man ihn ohne weiteres in Dag: mars Zelle führte.

Er jah, daß fie fehr angegriffen war, und er glaubte zu bemerken, daß fie geweint habe. Um fo erniter und eindringlicher war der Vorwurf im Klang feiner Stimme, al3 er auf fie zu trat und fagte: „Was, um Gottes willen, haben Sie getan? Wiffen Sie aud), daß man Ihre heutigen Außerungen als ein Geftändni3 deutet?”

Sie war nicht überrajcht, aber fie fchlug die Augen nieder. „Zürnen Eie mir nicht,“ bat fie leife. „Ich fonnte nicht anders. Ich bin dieſer ewigen Der: nehmungen fo müde. Es iſt ja auch ganz gleich. Man ift ja doch ſchon davon überzeugt, daß ich e3 getan habe.”

„Um fo energifcher follten Sie fich dagegen wehren. Was Sie heute getan haben, ift ein Fehler, den wir nur jchwer wieder gutmachen können. Wenn e3 mir jet nicht gelingt, den Schuldigen zu ermitteln, jo könnte daraufhin möglicherweife wirklich Ihre Verurteilung erfolgen.” |

„Ich erwarte es gar nicht anders. Ich habe Ihnen ja ſchon früher gefagt, daß es fo am beiten für mich ft. Ich will nicht unter die Menfchen zurüd ich will nicht. Sie würden mich ja doch alle verachten.”

Es mar ein fo namenlofes Weh in dem Ausdrud ihrer Züge, daß Nindleben, der fich bisher bei feinen Unterredungen mit ihr ftet3 mannbaft beherrfcht hatte, nicht länger an fich zu halten vermochte. Ehe Dagmar

14 Berfiegelte Lippen.

DrEDr-EDe ED ED ED Dre Dre Dre Dre Dre Dre Dre De-e Der eD e3 verhindern konnte, hatte er fich ihrer beiden Hände bemächtigt. „Sprechen Sie nicht fo, Fräulein Holn- jtein! Wenn Sie nicht fich felber zuliebe um Ihre Rechtfertigung kämpfen, fo tun Sie es aus Mitleid für mich. Ich könnte e3 nicht ertragen, Sie verurteilt zu jehen. Sie müſſen es doch längft bemerkt haben, wie ſehr Ihr Schidjal mir am Herzen liegt.”

Sie Hatte erſt einen Verſuch gemadıt, ihre Hände zu befreien, da er fie aber mit jo feſtem Druck um— fchloffen Hielt, ließ fie ihn gewähren. „a, ich weiß es, und ich beflage e3 als ein Unglüd für Sie, Herr v. Nindleben. Es jcheint einmal mein Schidjal zu fein, Kummer und Herzeleid über alle zu bringen, Die e3 gut mit mir meinen. Darum, wenn Gie mir eine Mohltat ermeifen mollen, jo geben Sie e3 auf, mich retten zu wollen. Legen Sie die Verteidigung nieder und überlaffen Sie mich meinem Gejchie. Ich habe Ihnen ja von Anfang an gejagt, daß Sie feine Freude daran haben werden.”

„Nein,“ rief er, „und wenn ich mein Leben daran fegen müßte, ich werde Ihre Sache durchführen mit Ihrer Unterftügung oder gegen Ihren Willen! Ach werde der Welt bemeifen, daß Sie fchuldlos find an diefem Verbrechen, ob Sie felbjt es in Ihrer törichten Furcht vor den Menſchen auch auf ſich nehmen wollen.”

Sie fenfte den Kopf und ſchwieg. Es war diefelbe müde Ergebung, die fie heute beftimmt hatte, ihre ver- bängnisvollen Äußerungen vor dem Unterjuchung3:- tichter zu tun. NRindleben ſah die Tränen an ihren Wimpern, und er fühlte, daß er fie nicht länger quälen dürfe, auch nicht mit den Äußerungen feiner Teilnahme, die fie ja offenbar nur als eine Pein empfand.

Er bat fie um die Erlaubnis, am nächſten Tage

Roman von Hermann Gieräberg. 15 DMDrED ED ED re Dre DE DE Dre Dre DE Dre Dre Dr ED zD re Dr mwiederlommen zu dürfen, und ging. Aber fein Herz mar voll beinahe leidenfchaftlichen Zornes gegen Her: bert, der nach feiner eigenen Erklärung mit einem ein: zigen Wort die Folter diefes unglüdlichen Gefchöpfes bätte enden können, und der in der felbftfüchtigen und wie er e3 in feiner Erregung nannte feigen Furcht vor der Verlegung eines leeren Ehrbegriffs zögerte, e3 zu tun.

Am nächften Morgen erſt Fam die Antwort des Bureauvorftehers. Sie bedeutete für Nudolf eine neue Überrafchung, die noch peinlicher und niederfjchmettern- der war als alle früheren. Denn der Mann tele graphierte ihm, daß fein Chef ſchwer Frank in Berlin angelommen jei und an einer Gehirnentzündung faft hoffnungslos daniederliege.

Diefe Nachricht Tam fast einer völligen Vernichtung aller jeiner Hoffnungen gleich. Denn menn Herbert fein Geheimni3 mit ins Grab nahm, fo gab es faum noch eine Ausficht, Dagmar zu retten. Aber noch war Herbert ja nicht tot, noch mußte er im ftande fein, Rede zu ftehen auf eine an ihn gerichtete Frage. Hier durfte Fein Augenblid ungenußt verloren werden. Heute noch mußte er nach Berlin fahren, um dem Kranken zu entreißen, was er wußte.

Aber er wollte doch nicht reifen, ohne Abfchied von Dagmar zu nehmen. So gern er fie in ihrem gegen- wärtigen Gemütszuftande gefchont hätte, überlegte er auf dem Wege nach dem Unterfuchungsgefängnis doch, daß e3 feine Pflicht fei, ihr Herbert3 Erkrankung mit: zuteilen. Er mußte nach dem Inhalt der Depefche annehmen, daß jein unglüdlicher Freund ein Sterben: der jei, und wenn Dagmar fpäter erfuhr, daß er e3 ihr verjchwiegen, fo durfte fie ihm mit vollem Recht

16 Berfiegelte Lippen. DeDrEDrere Dre De: Dee Dr DreD einen ſchweren Vorwurf daraus machen. Vielleicht hatte fie ja dem Manne, dem fie fich hatte zu eigen geben mollen, noch irgend eine Mitteilung oder ein GeftändniS zu machen, denn Rudolf konnte die Emp- findung nicht los werden, daß noch etwas Unaufgellär: tes und Unausgefprochenes zwiſchen den beiden ei. Er war egoiftifceh genug, mit einer Regung der Eifer: fuht an die Möglichkeit einer Ausföhnung Dagmars mit jeinem Freunde zu denfen, aber diefe Empfindung durfte ihn nicht abhalten, das zu tun, was er den Umständen nach als feine Pflicht erachten mußte.

Er fand die junge Gefangene heute jehr ruhig. Zum erſten Male jeit ihrer Verhaftung hatte man fie an diefem Vormittag mit einer Vernehmung verfchont, und wenn das auch nach) Lage der Pinge durchaus nicht als ein günftiges Zeichen anzufehen war, jo fehien fie doch mit dieſer Wirkung ihrer geftrigen Äußerungen volllommen zufrieden. Etwas befangen ſah fie dem Befucher entgegen, denn fie mochte fürchten, daß er die Abficht Habe, fie aufs neue mit Vorwürfen zu be- jtürmen.

Aber Rindleben wollte feine Foftbare Zeit nicht mit Borftellungen vergeuden, von denen er ſich ja doch feinen Erfolg hätte verfprechen können. Mit einigen vorsichtig gewählten Worten fuchte er fie auf die trau: tige Mitteilung vorzubereiten, um derentwillen er ge- fommen war. Doch wie diplomatijch er es auch feiner Meinung nach anfıng, Dagmar hatte mit dem ficheren Ahnungsvermögen des liebenden Herzens doch ſchon bei feiner erften Andeutung die ganze Wahrheit er- raten, und wenn Rudolf ſich bis dahin noch mit irgend einer vermeffenen Hoffnung getragen hatte, jo brach jie Häglich zufammen angefichtS des tödlichen Erjchredens und des verzweifelten Schmerzes, die er auf ihrem Ger

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Roman von Hermann Gieräberg. 17 DIDI Dre Dre DDr EDDIE Dede DrEDre ſicht las, als fie die Betätigung ihrer Befürchtung von ihm empfangen. Sie wollte durchaus Näheres über Herberts Erkrankung und über feinen Zuftand wiſſen.

„Herbert verfügt über eine ausgezeichnete Kon: ftitution,” verjuchte er fie zu tröften. „Ich kann mir nicht vorftellen, daß er in der Blüte jeiner männlichen Kraft das Opfer einer Krankheit werden follte, die doch an und für fich keineswegs zu den unheilbaren gehört.”

Aber diefe Tröftungen, an die er felbft nicht recht zu glauben vermochte, bejänftigten die angftvolle Auf: regung de3 jungen Mädchens nicht. Gie hatte fih an die Wand ihrer Zelle gelehnt, und niemals, auch nicht in dem Augenblid, al3 man fie nach der Billa Rothe aurüdgerufen, hatte Rindleben fie jo gebrochen und fo faffungslos gejehen. |

„Nein, er wird jterben,” fagte fie mit faft verlöfchen- der Stimme ein Mal über das andere. „Er wird fterben und ich Tann nicht bei ihm fein ich kann ihn nicht anflehen, mir zu verzeihen.“

Der junge Rechtsanwalt litt bei dem Anblick ihrer GSeelengual faum weniger als fie ſelbſt. Es war nicht3 Selbftfüchtiges und Zorniges mehr in feinem Herzen. In diefem Augenblid würde er einen guten Teil des eigenen Xebens daran gegeben haben, wenn er fie hätte mit fich nehmen und an das Krankenlager des Mannes führen dürfen, dem doch, wie er ſah, noch immer ihre ganze Seele angehörte. Aber er durfte es nicht. Die Mauern eines Gefängnifjes jtanden zwiſchen ihr und Herbert. Und der Unfelige, der fich jet in feinen Fieberphantafien vielleicht ebenfo in Sehnſucht nad) ihr verzehrte, wie fie in dem heißen Verlangen nach ihm verging, trug mit feinem verhängnisvollen Zaudern jelbjt die Schuld daran, daß es jo war.

„sch wiederhole Ihnen, Fräulein Dagmar,’ fagte

1904. IV. 2

18 Berjiegelte Lippen.

DAAD ED ED DD ED ED DD De DD rEDrE Dr ED ED ED er, fie unbemwußt zum erjten Male mit ihrem Vornamen anredend, „daß ich Ihre Befürchtungen noch nicht teile, daß ich vielmehr mit Zuverficht auf eine Wiederher- ftellung meines armen Freundes hoffe. Aber wenn e3 Ihnen eine Beruhigung gewähren fann, daß ich ihm in Ihrem Namen irgend eine Beitellung ausrichte, fo bitte ich Sie dringend, mir unbedenklich Ihr Vertrauen zu fchenfen. Was auch immer Sie ihm durch mich fagen laſſen, fein lebendes Weſen außer ihm wird es erfahren, und Sie dürfen es getroft fo anjehen, ala ob Sie es ihm in einem verftegelten Briefe mitgeteilt hätten.”

Dagmar antwortete ihm nicht fogleich. Mit tränen- Iofen Augen ftarrte fie vor fich hin, und fchon dachte er daran, fich zu verabjchieden, al3 fie ihm mie in einem plößlichen Entjehluß ihr Geficht zufehrte und fagte: „Sie find fo gut und jo großmütig ja, Ihnen kann ich alles fagen. Sch Hatte mir vorgenommen, feinen Verſuch zu meiner NRechtfertigung vor Herbert zu machen. Se tiefer er mich verachtete, deſto eher würde er, mie ich meinte, den Schmerz der Enttäufchung überwinden, die ich ihm bereitet habe. Nun aber kann ich doch den Gedanten nicht ertragen, daß er aus dem Leben gehen jollte mit diefer Verachtung gegen mic) im Herzen. Nicht um meinetwillen, denn für mich gibt es ja Doch feine Hoffnung mehr, fondern feinetwegen möchte ich, daß ihm die volle Wahrheit offenbar werde. Auch dann werde ich ja feiner Liebe und feines Ver— zeihend noch immer unmert fein, aber er wird mic) doch nicht mehr für das ehrlofe und verworfene Ge- ichöpf halten, als da3 er mich bis zu diefem Augen: blid anfehen mußte.” -

Und Haftig, in rafchen, oft zufammenhanglofen Worten, als milfe fie, wie foftbar ihren Zuhörer die

Roman von Hermann Gieräberg. 19 DRrEDFrED- EDDIE DI ED Dre I re DD ee Dre De: DreD Minuten fein müßten, erzählte fie ihm die ganze Ge- Ihichte ihrer Liebe und ihrer Schuld.

„Sagen Sie ihm, daß ich nichts von dem Bor: handenſein jenes Teftamentes gewußt habe und nichts von den verwandtfchaftlichen Beziehungen meines Gtief- vaters zu Herbert3 verjtorbener Gattin. Es war jchlecht und unehrlich, daß ich auf daS Geheiß meines Gtief- vater3 zu ihm ging und daß ich ihn damals belog. Etwas underes aber als dies babe ich nicht gegen ihn gefündigt. Von dem Augenblid an, da wir uns in dem Geebade wieder begegneten, ift fein ummahres Wort mehr über meine Lippen gelommen. Meine Liebe zu ihm war echt und wahr und fie wird ihm bis zu meinem lebten Atemzug gehören. Wollen Sie ihm das alles jagen?”

Rudolf v. Rindleben reichte ihr die Hand. „Wenn das Schickſal mir noch die Möglichkeit dazu gemährt ja, Fräulein Dagmar! Ich werde ihm das alles jagen, und ich hoffe, daß er eines Tages in der Lage fein wird, Ihnen ſelbſt die Antwort darauf zu geben.“

Gie wehrte faft erfchrodenab. „Nein, nein, fo jollen Sie es nicht verjtehen und auch er fol es nicht jo verftehen. ch möchte ihm nicht wieder begegnen.“

„Wir wollen es einer höheren Inſtanz überlaffen, Darüber zu entjcheiden,” jagte Nindleben ernft. „Und nun darf ich wohl gehen?“

Sie nickte. Aber als er fchon die Hand erhoben batte, um an die Tür zu Hopfen, die ihm auf dieſes Zeichen von der draußen befindlichen Wärterin geöffnet werden mußte, flog fie auf ihn zu und legte ihre Hände auf feine Schultern. „Sie find jo gut,” jagte fie noch einmal, und voll warmer Dankbarkeit leuchteten ihre Augen in die feinen. „Wenn ich Doch etwas tun könnte, um es Ihnen zu vergelten.”

20 Berfiegelte Lippen. OD ED DE DDr ED ED DD Dre Dr Dre Dre DDr dr

Für einen Moment war er in Verfuchung, die fchöne ſchlanke Geftalt an feine Bruft zu reißen, aber er mußte ihr mit männlicher Selbftbeherrfchung zu wider: jtehen. „Kämpfen Gie für Ihre Rechtfertigung, Fräu— lein Dagmar!” erwiderte er, indem er fanft ihre Hände löjfte. „An dem Tage, wo Gie frei und ohne Matel die Schwelle dieſes Gefängniffes überfchreiten, werde ich meinen Lohn empfangen haben, den fchönften und den einzigen, den ich mir jet noch wünfche.“

Ein warmer Händedrud, dann Tlopfte er energijch an die Zür, und in der nächjten Sekunde ſchon rajjelte draußen der Schlüfjelbund.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Die Auskunft, die man Rindleben bei feinem Ein- treffen in Herbert3 Wohnung über den Zuftand des Kranten gab, war ganz danach angetan, feine fchlimm- ſten Befürchtungen zu beftätigen. Er kam, als einer der beiden behandelnden Ärzte eben im Begriff ftand, den Batienten zu verlaſſen, und er hatte fomit Ge- legenbheit, jich von berufenfter Seite über die Krankheit unterrichten zu lajlen. Er erfuhr, daß es ſich um eine weit ausgebreitete Gehirnhautentzündung handle, die recht wohl durch die jchädlichen Einwirkungen heftiger Gemütsbemegungen hervorgerufen fein Tonnte.

„Die Hoffnung auf Genefung ift bei diefer Krankheit leider fajt immer recht gering,” jagte der Arzt. „Aber ſchon die nächjten Tage werden uns in diefer Beziehung volle Gewißheit bringen. Denn nur, wenn ſchon in den erjten Stadien de3 Leidens eine Wendung zum Beſſeren eintritt, Laßt fich eine günftige Brognofe ſtellen.“

„Unter diefen Umftänden gibt es natürlich auch Teine Möglichkeit, mit dem Kranken zu reden?”

Roman von Hermann Giersbern. 21 REDE DD DD ED Dr Dr Dr „Daran iſt jeßt nicht zu denken,” Iautete die fehr bejtimmte Ermwiderung. „Der Patient iſt ohne Be: wußtfein, und ich darf niemand zu ihm laffen. Denn felbft wenn vorübergehend lichte Augenblide eintreten follten, was im übrigen höchſt unmahrfcheinlich ift, müßte jede Erregung von dem Kranken ferngehalten werden.”

Nicht tröftlicher Hang es, mas Rudolf fpäter von der MWärterin erfuhr. Sie fagte, daß der Patient erfichtlich von den furchtbarften Schmerzen gepeinigt würde, für die ihm ſelbſt in feiner Bemußtlofigfeit die Empfindung nicht verloren gegangen zu fein feheine. Er liege zu— meijt unter leifem Stöhnen bemegungslos da, habe von Zeit zu Beit aber auch beftige Anfälle von Sieber: delirien, während deren er alles mögliche durcheinander ſpreche.

„Können Sie mir vielleicht etwas von dem wieder— holen, was er in folchen Momenten gefagt hat?” fragte Rudolf. „Erinnern Gie fich, daß er von einer Prozeß— fache gejprochen oder einen Namen genannt hat?“

Die Wärterin fehüttelte den Kopf. „Sch habe mir längſt abgemöhnt, auf das Phantafieren meiner Batien- ten zu hören,” meinte fie. „ES find ja doch faft immer nur unfinnige und zufammenhangloje Worte.”

So war denn feine Reife nach Berlin offenbar ganz zwedlos gemejen. Man nahm e3 in Herbert3 Ums gebung mit den ärztlichen Weifungen fehr genau und gejtattete ihm nicht, auch nur einen Blid auf feinen unglüdlichen Freund zu werfen. Im Bureau aber ver: mochte man ihm natürlich Teine Auskunft zu geben, die von irgendwelchem Wert für ihn gemefen wäre. Der Bureauvorjteher war felbjt ebenfo ratlos wie der junge Aſſeſſor, ven Herbert während feiner Abweſenheit als Vertreter bejtellt Hatte. Die Anmeifungen, die

22 Berfiegelte Lippen.

OD ARD ARD AD AD re De De Dre Dr Der Dre DD nme Rindleben auf Grund feiner reichen Erfahrungen in diefer oder jener Prozeßangelegenheit zu geben ver- mochte, waren feiner eigenen Überzeugung nach der einzige Nutzen feiner Anmefenbeit.

Troßdem war er entjchloffen, vorläufig zu bleiben, jo lange wenigſtens, bis die von dem Arzte erwartete entjcheidende Wendung eingetreten fein würde Er telegraphierte an Dagmar, daß Herbert3 Zuftand be» forgniserregend, aber noch nicht abfolut hoffnungslos jei, und verbrachte fomohl diefen al3 auch den folgen: den Tag, während deren der Zuftand des Batienten faft unverändert blieb, ohne Unterbrechung in der Woh— nung des Freundes.

Die einlaufenden Brieffchaften wurden, fomeit ihnen ein gefchäftlicher oder amtlicher Charakter anzufehen war, der von Herbert erteilten Weifung gemäß von dem Aſſeſſor geöffnet. Solche Eingänge aber, die privater Natur zu fein fehienen, blieben unerbrochen liegen.

Unter ihnen befand fich auch ein am Morgen des zweiten Tages eingelaufenes Telegramm, das der Bureauvorfteher aus einem nur ihm felber bekannten Grunde al3 zur PBrivatlorrefpondenz feines Chefs ge- börig anſah. Er hatte es auf den Stoß von Briefen gelegt, denen fich faſt mit jeder Poſt weitere zugejellten, und niemand kam e3 in den Sinn, fich um das zu- fammengefaltete Blatt mit dem Heinen blauen Papier: fiegel zu kümmern. Es lag fchon feit mehreren Stuns den auf feinem Plate, als Rindleben an den Tiſch trat und jeine Augen zufällig gerade auf diefer Depefche ruhen ließ. Nicht, weil er ihr irgendwelche befondere Bedeutung beimaß, fondern rein mechanifch nahm er fie auf und betrachtete fie von allen Seiten. Dabei erregte die jonderbare Form der Adreſſe feine Aufmerk—

Roman von Hermann Gieröberg. 23 DEE ARD RD ED Dr DD rede Dez Dre Dr ED ED famteit. Ex ſah exft jebt, daß das Telegramm nicht nach Berlin, Tondern nach dem Nordfeebade adrejfiert und von dort aus hierher nachgefandt war. Diefer an und für fich fo bedeutungslofe Umftand, der weder dem Bureauvorfteher noch dem Aſſeſſor aufgefallen mar, machte ihn ftugig. Allerdings erjchien er ja als eine Bejtätigung dafür, daB es fich in der Depejfche um eine Mitteilung privater Natur handle, aber diefe Mitteilung konnte möglicherweife im Zujammenhang ftehen mit den Ereigniffen, die fich im Bade abgejpielt hatten, und vielleicht fogar mit jener geheimnisvollen Abreiſe Herbert, an deren Fortfegung er augenjchein- lich nur durch feine fchmere Erkrankung gehindert worden war. Eine Weile noch zögerte er, fich der Ver⸗ legung des Briefgeheimnilfes fchuldig zu machen, die ein Erbrechen des Telegramms vor feinem juriftifchen Gemwifjen darftelltee Dann aber löfte er mit einer tafchen Bewegung den Verſchluß und entfaltete das Blatt.

Die Depeche ftammte aus einer größeren Station in der Schmeiz, und ihr Inhalt Tautete:

„Schneider Emil Fiſcher aus Halle, durch Über: fahren tödlich verlegt, verlangt Sie dringend zu jprechen. Eile nötig.

Rrantenhausvermaltung.”

Verjtändnislos überlas Nindleben die feltfame Mit- teilung zum zweiten und zum dritten Male.

„Kennen Sie einen Schneider Emil Fijcher aus Halle?” wandte er fich an den Bureauvorfteher. „Ge— hört er vielleicht zu den Mandanten meines Kollegen?”

Der Gefragte verneinte. „Wir haben verjchiedene Fifcher, Herr Rechtsanwalt, aber feinen der Schneider ift oder mit Vornamen Emil heißt.” |

„Sonderbar! Und doch muß es fi) um etwas

24 Berfiegelte Lippen.

nn Dr DD DD DD DeEDr Dre Der Dr ED De Wichtiges Handeln, wenn der Mann auf feinem Sterbe- bette den Wunſch nach einer Unterredung mit Vollmar Dat, und wenn er nicht Bedenken trägt, ihn zu diefem Zwecke von Berlin nach der Schmeiz zu rufen.“

„Bielleicht ift es nur die tolle dee eines in den legten Delirien liegenden Todeskandidaten,“ meinte der Aſſeſſor, der die Depeche inzwifchen ebenfalls gelefen hatte. „Jedenfalls wird ja fein Wunſch unerfüllt bleiben müſſen.“

Nindleben fagte nichts meiter, aber er faltete mit fehr nachdenklicher Miene das Telegramm wieder zu: fammen und ftecdte e3 in feine Brujfttafche. Ein paar Minuten lang ſtand er jchmeigend am Fenjter, dann wandte er fich plöglich gegen einen der Schreiber.

„Beben Sie mir das Kursbuch und telephonieren Sie, bitte, in meine Wohnung, mein Diener folle die Handtafche fertig machen. Er follnur das Notwendigite einpaden, tönnen Sie ihm fagen. Sch gedenfe nicht lange fort zu bleiben.”

Niemand kam e3 in den Sinn, daß der Rechtsanwalt die Abficht haben könnte, an Stelle des Gerufenen nach dev Schweiz an das Gterbelager des überfahrenen Schneiders zu eilen, allein NRindleben erklärte nad) furzem Blättern im Kursbuch jo gleichmütig, als ob e3 fih um etwas ganz Gelbjtverjtändliches Handle: „Ich fahre aljo nach der Schweiz. Wenn einer von den jungen Leuten die Freumdlichkeit hat, mir eine Droſchke zu holen, werde ich felbjt auf dem Ummege über meine Wohnung den Wiener mn noch recht- zeitig erreichen.”

Es war in der Nacht, als Rinckleben die Glocke am Eingangstor des Krankenhauſes in Be— wegung ſetzte. Eine Pflegerin im Ordenskleid tat ihm

Roman von Hermann Gieräberg. 25 auf und fragte nad) feinem Begehr. Ohne feinen Namen zu nennen, zeigte er ihr daS an Herbert Vollmar ge- richtete Telegramm.

„Hoffentlich komme ich nicht zu fpät,” fagte er, „der Mann, in dejjen Namen diefe Depeche abgefchickt wurde, ift Doch nicht inzwifchen gejtorben 2”

„Bor einer Stunde wenigſtens war er no am Leben, und ich würde e3 willen, wenn er jeither ver: jehieden wäre. Aber ich weiß nicht, ob Sie ihn jetzt werden fprechen können. Bitte treten Sie ein, bi3 ich mich erkundigt habe.“

Nindleben leijtete der Aufforderung Folge, und nach Verlauf einiger Minuten lehrte die Schweſter zurüd.

„Es wird bald mit ihm zu Ende gehen,“ jagte fie in der milden Art, die diefen an den Anblick menjch- lichen Elend3 gemöhnten Samariterinnen eigentünlich ift. „Wollen Sie mir folgen.“

Eie geleitete ihn an das Bett eines Menfchen, von dem vor weißen Verbänden nicht anderes zu jehen war al3 zwei tief in ihren Höhlen liegende Augen, über die fich ſchon die Schleier des Todes gelegt zu haben jchienen.

Als Rindleben ſich über den Kranken herabneigte, flüfterte diefer: „Was mollen Cie? Gie find nicht Bollmar.”

„Fein, ich bin es nicht, aber ich bin jtatt feiner ge- fommen, da er durch ſchwere Krankheit verhindert war. Was Sie ihm jagen wollten, dürfen Sie getroft auch mir anvertrauen.“ |

Der Leidende fehloß die Augen und blieb eine lange Weile ganz regungslos.

Die Schweſter, die bei Rindlebens Eintritt am Fuß—⸗ ende des Bettes geftanden, winkte ihm mit den Augen, ihr an die andere Seite des Zimmers zu folgen. Port

26 Verfiegelte Lippen.

DDr ee Dee DDr ED D re Dr Dr Dr Dr Dr Dre Dre De Dr eD fagte fie leife: „Ich glaube, der Unglüdliche ift nicht mehr im vollen Beſitz feiner Geiftesfräfte.e Er quält fih fchon feit geraumer Zeit mit einem Belennt- nis, das ihm offenbar ſchwer auf dem Herzen liegt. Uber feine Gedanken jcheinen fich zu vermwirren, denn er jagte, daß er nicht Emil Fifcher, fondern ein Refes rendar Paul Keilig jet, und daß er die Flucht ergriffen babe, weil man ihn wegen eines Mordes verfolge. Auch von einer gejtohlenen Brieftafcehe und von einem ge- fäljchten Wechjel hat er in wirrem Durcheinander ge: fprochen. Aber vielleicht finden Sie den Schlüffel zu al diefen Dingen.”

Wenn ihn nicht der Ernft des Ortes und die düftere Majeftät des Todes, der auf der Schwelle dieſes Zim- mer3 ftand, daran gehindert hätten, jo würde Ninds leben mit einem Ausruf der Freude ihre Frage bejaht haben. Denn nun zmweifelte er nicht mehr, daß er hier vor der Löſung des Geheimnifjes jtand, das ihm Her: bert Bollmar um feiner Anmwaltsehre willen nicht hatte offenbaren dürfen.

„Schaffen Sie fo jchnell als möglich etwas Schreib: gerät zur Stelle,” fagte er zu der Schweſter, „und noch irgend einen Zeugen einen Arzt oder wer e3 ſonſt jei.”

Dann kehrte er an Paul Keiligs Lager zurüd und brachte jeinen Mund dem Ohr des Gterbenden ganz nahe. „Sie haben den Brivatier Holnftein erftochen nicht wahr? Und Sie haben Vollmar gerufen, weil Sie Ihr Gemijjen erleichtern wollten, ehe Sie vor den böchften Richter treten?”

Zangfam hoben fich die Lider des Verunglüdten. „Ihm habe ich es ja fehon gejagt,“ brachte er mit An- jtvengung heraus. „Ich wollte ihn jet nur von feiner Schweigepflicht entbinden.”

Roman von Hermann Gieröberg. 27 DEI De DDr Dre ren DrE Dre Dre DDr

„Aber Sie hören doch, daß er ſchwer krank ift, daß er vielleicht fterben wird, ehe er irgend jemand Mit- teilung machen könnte von dem, was er weiß. Darum müſſen Sie e8 mir noch einmal fagen. Ich Tann e3 Ihnen nicht erlafjen.”

Der GSterbende raffte fich zu einer Wiederholung feines Geftändnifjfes auf. Sie mar minder anjchaulich und ausführlich als die Schilderung, die er Herbert Vollmar gegeben, aber Rindleben bejaß juriltifchen Scharfſinn genug, um die fehlenden Glieder zu ergän— zen und durch rafche Fragen die Lücken in dem Bericht des Unglüdlichen auszufüllen.

MWiederholt zwar mußte Keilig feine Beichte unter: brechen, weil jeine Kraft ihn zu verlajjen drohte, aber